Von der St. Georgs Kapelle zur Gustav-Adolf-Kirche

Die Geschichte bis 1927

Aus dem Vermächtnis des Mainzer Erzbischofs Adalbert geht hervor, dass Niederursel 1132 eine Filiale der Praunheimer Pfarrei war. Verschiedene Geistliche aus Praunheim, die in Niederursel und Mittelursel die Messe lasen, sind namentlich bekannt 1. 1402 berief Vogt Henne von Ursel den Kaplan Heinrich Kauchen aus Windecken für die St.-Georgs-Kapelle in Niederursel. Zum Unterhalt des Kaplans setzte Henne 8 Gulden, 20 Morgen Acker und 4 Morgen Wiesen aus. Auch ein Pfarrhaus muss der Vogt eingerichtet oder erbaut haben.

Pfarrer Carl Enders aus Bonames nimmt in seinem Beitrag »Zur 500jährigen Kirchweihfeier in Niederursel« an, dass 1402 das Stiftungsjahr von Kirche und Pfarrei Niederursel war. Pfarrer Lic. Joachim Hans Korn führt dagegen in einem Beitrag »Niederursel und seine Kirche in Geschichte und Gegenwart« aus, dass aufgrund von Funden bei den Ausschachtungsarbeiten für den Kirchenneubau die Baugeschichte der Niederurseler Kirche bis in die frühkarolingische Zeit zurückreicht 2.

In den Jahrzehnten darauf wird die Kapelle des öfteren erwähnt, 1487 zum Beispiel als »Capellae Sanctorum Georgii«. 1554 wird mit Lorenz Voltz aus Schafheim der erste lutherische Pfarrer bekannt, der die Kaplanstelle an der St.-Georgs-Kapelle erhält.

Die kleine, aus einem quadratischen Turm und einem 5 bis 6 Meter breiten und etwa 10 Meter langen Schiff bestehende Kirche hatte während jahrzehntelangen Kriegswirren, besonders durch Feuer, schwer gelitten. Eine 1639 angeschaffte Glocke konnte wegen Baufälligkeit des Gotteshauses nicht aufgehängt werden. Nach dem sich die Gemeinde etwas erholt hatte, begann man mit dem Wiederaufbau, doch 1674 plünderten Franzosen das Dorf und zerschlugen dabei wieder Glocke und Uhr. Bei dem großen Niederurseler Brand 1675 wurde auch die Kirche stark beschädigt, sie musste völlig ausgebessert werden. Bei der Instandsetzung erweiterte man die Kirche durch einen Anbau zur Straße.

Nach der Realteilung im Jahre 1714 war die St.-Georgs-Kirche die einzige Einrichtung, die von beiden Ortsteilen, also den frankfurtischen und den solmsischen Bürgern Niederursels, gemeinsam benutzt wurde.

Mit zunehmendem Wachstum der Gemeinde und zunehmendem Alter der Kirche mehrten sich die Sorgen der Gemeinde. 1750 vermachte Zacharias Greiff der Gemeinde 50 Gulden für eine Glocke. Es wurde eine beschädigte Glocke umgegossen, ihre Inschrift lautete: »Mich goss Joh. Georg Schneidewind, Frankfurt, 1750«. 1783 berichtete der Frankfurter Stadtbaumeister Andreas Liebhardt von starken Beschädigungen im Mauerwerk, im Dachstuhl und Turm.

Außerdem war die Kirche mittlerweile zu klein geworden, so dass, wie der Schultheiß Rupper versichert, an Festtagen nicht Raum genug (etwa 100 Sitzplätze) für die zahlreiche Niederurseler Gemeinde darin sei. Es könne diese alte und schlechte Kirche nicht anders wiederum auf eine Zeitlang ausgebessert werden als durch Wegbrechung und neue Aufmauerung beider Ecken der Mauer, an welcher der Turm steht, sodann gänzliche Abnehmung des alten Turms und allenfalsige Erbauung eines kleineren ganz neuen Turms, auch Ausbesserung des Gebälks und Dachwerks ...« 1790 schlug Pfarrer jung nochmals den Neubau vor, wegen Geldmangels wurde jedoch nur ausgebessert, der Turm jedoch abgerissen und durch einen Dachreiter auf dem First ersetzt.

Bei diesen Umbaumaßnahmen erhielt die Kirche bis auf die Fensteränderung im Jahre 1856 die Gestalt, die sie bis zum Abbruch im Jahre 1927 behielt.

Nach dem Anbau bestand die Kirche aus einem langen Schiff mit nur etwas mehr als 5 Meter Breite und 18,10 Meter Länge im Lichten, dreiseitig umschlossenem Chor und Wandstärken von 0,80 bis 1,0 Meter. Beidseitig eines Mittelganges waren schmale Bänke aufgereiht, im Bereich des Chors gab es auch entlang den Wänden Sitzbänke, die den freien Raum um den Altar umschlossen. Den Altar schmückte ein großes Kruzifix (jetzt in der Taufkapelle der Gustav- Adolf-Kirche). Rechts vom Altar erreichte man über eine kleine Treppe die oktogonale reichgeschmückte Kanzel mit Kanzeldeckel. Am Fuß dieser Treppe gab es einen kleinen geschlossenen Holzanbau mit einer Bank, der als Sakristei diente. Eine weitere Treppe führte hinter dem Holzanbau auf die Orgelempore, der dreifach gegliederte Orgelprospekt füllte den gesamten oberen Teil des Chores bis zur Decke aus. Die Kirche war innen nur 5 Meter hoch, trotzdem besaß sie eine dreiseitige Empore, im hinteren Bereich etwa 4 Meter, an der langen Seitenfront nur 1,50 Meter und im Chor etwa 3 Meter breit. An der Längsfront dieser Empore waren in zwei Zeilen die Schriftbänder angebracht, die jetzt ebenfalls in der Taufkapelle der neuen Kirche zu finden sind.

Nach Norden hatte die St.-Georgs-Kirche bis auf ein kleines Fenster im hinteren Bereich weder Fenster noch Türöffnungen, die Südseite zeigte eine Reihe in Größe und Ausführung völlig verschiedener Tür- und Fensteröffnungen. Zwei barocke Fenster mit je einem doppelten Dreipass fielen dabei besonders auf. Durch die Doppeltür mit giebelförmigem Sandsteinsturz und romanischem Kreuz (jetzt in der nördlichen Umfassungsmauer) kam man in das Kirchenschiff, die Tür links davon führte über eine Treppe direkt zur Empore. Das steile, etwa 5 Meter hohe Dach ruhte auf liegenden Dachstühlen, der Dachreiter wurde von einem starken Mittelpfosten und der durch eine Mauervorlage gestärkten Westwand getragen. Die Gesamthöhe bis zum Wetterhahn betrug rund 20 Meter, die Glocken waren in dem Turmgeschoss über dem Dachfirst aufgehängt, den Turm erreichte man über eine schmale Treppe von der Empore.

1802 lieferte Orgelbaumeister Bürgy aus Bad Homburg für 550 Gulden eine Orgel in die Niederurseler Kirche. 1813 mussten Holzschalung und Schiefer des Dachreiters von einem Homburger Dachdeckermeister für 19 Gulden und 48 Kreuzer erneuert werden.

1856 renovierte man die Kirche erneut gründlich. 1891 musste die Orgel durch eine neue ersetzt werden. Gustav Rassmann in Mottau bei Weilmünster hatte sie gebaut, die Kosten von 2200 Gulden wurden durch Spenden aufgebracht.

Am 6. Juli 1917 wurde die 1750 angeschaffte Glocke beschlagnahmt, und da man Schwierigkeiten beim Abtransport hatte, an Ort und Stelle zertrümmert. Kurz zuvor waren die Prospektpfeifen der Orgel eingezogen worden. 1924 erwarb die Gemeinde ein neues Geläute. Der Kirchturm war aber zu klein und auch nicht tragfähig genug, deshalb wurde für die Glocken ein Notglockenstuhl auf dem Gelände des alten Friedhofs errichtet.

Die Sorgen gingen weiter: Die Kirche war zu klein und nach wenigen Jahrzehnten bereits wieder baufällig. Am 15. März 1926 beschloss die Stadtsynode zunächst die Errichtung eines neuen Kirchturms. Diese Lösung war noch unbefriedigend, deshalb zog Baurat Müller Prof. Martin Elsässer zur Erstellung eines Gutachtens hinzu. Das Gutachten für den alten Bau fiel sehr negativ aus, und Architekt Elsässer erhielt darauf den Auftrag für die Planung einer neuen Kirche. Da die mindestens 525 Jahre alte St-Georgs-Kirche einschließlich des gesamten Baumbestandes auf dem ehemaligen Kirchhof unter Denkmalschutz stand, führte Elsässer entsprechende Verhandlungen für den Abbruch mit dem Bezirkskonservator Dr. Wickert. Als erhaltungswert wurden die Orgel, das Schriftband von 1613, der Kruzifixus, der Sandsteinsturz des Einganges und einige kleinere Bauteile angesehen.  Am Ostermontag 1927 fand der letzte Gottesdienst in der alten Kirche statt.

Dass die Niederurseler Gemeinde an ihrer alten Kirche hing, wird an dem Bibelwort deutlich, das als Überschrift über dem Abschiedsgottesdienst stand: »Herr, ich habe lieb die Stätte Deines Hauses und den Ort, da Deine Ehre wohnt. « (Psalm 26.8) Nach dem feierlichen Gottesdienst am Ostermontag, dem 18. April 1927, zog die Gemeinde unter Glockengeläute aus der Kirche, und vor dem Gotteshaus wurde eine Abschiedsfeier durchgeführt, die mit der Schließung der Kirche, Schlüsselübergabe an den Evangelisch-lutherischen Stadtsynodalvorstand und Abschiedsworten der kirchlichen und städtischen Behörden schloss 5.

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1 Gerner, Manfred: »Niederursel«, Frankfurt 1976, S. 95. In den chronikalischen Aufzeichnungen sind die Pfarrer und Kapläne der St.-GeorgsKapelle, soweit bekannt, aufgeführt.
2 Korn, Joachim Hans: »Niederursel und seine Kirche in Geschichte und Gegenwart« in: Führer durch die Nordweststadt, 1968.
3 Oberschmidt, Hermann: Unveröffentlichtes Manuskript aus dem Jahre 1928: »Beschreibung der Gustav-Adolf-Kirche in Frankfurt-Niederursel«.
4 Protokollbuch des Kirchenvorstandes.
5 Festschrift zum Abschied von der Niederurseler Kirche, 18. April 1927.

aus: Manfred Gerner: 50 Jahre Gustav-Adolf-Kirche Niederursel, 1978