An der roten Orgel - Vom Klang zum Ton zum Cluster

"Das ist meine Lebensphilosopie:
es ist die vornehmste Pflicht eines Musikers,
die Musik seiner eigenen Zeit zu spielen.
Das ist so einfach, daß ich gar nicht kapiere,
wie jemand anderer Meinung sein kann."

Michael Gielen 1995

 

an der roten orgel von niederursel

Kirchenmusik findet in der Gustav Adolf-Kirche des Neuen Frankfurt einen bestens verlinkten Klangraum vor – die Baujahre der Kirche 1927 und 1928 sind musikalisch bemerkenswerte Jahre:

1927  beginnt spektakulär mit Ernst Langs expressionistischem Stummfilm Metropolis mit der Musik von Gottfried Huppertz – ein grandioser Mißerfolg. Ganz anders Jonny spielt auf: Die Oper von Ernst Křenek wird in Leipzig gefeiert, in ihrer anti/modernen Ambivalenz ein musikalisches Markenzeichen der zwanziger Jahre.

Am 1. Juli wird Béla Bartóks 1. Klavierkonzert beim 5. Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Frankfurt am Main uraufgeführt. Im Kontext des „Neuen Frankfurt“ feiert die Internationale Ausstellung Musik im Leben der Völker Musik als völkerverbindende Utopie der Moderne: Kirchenmusik, Musik aus Java, der Schweiz und Japan, Jazz und elektronische Musik als „Esperanto der Welt der Empfindungen“, so Oberbürgermeister Ludwig Landmann. 

Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold wird in Hamburg begeistert begrüßt, und im November erklingt An den Oktober – Dmitri Schostakowitschs Propaganda-Sinfonie zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution.

1928  Im Januar beginnen die Comedian Harmonists in Harry Frommermanns Berliner Mansarde mit den Proben, und das Duo Brecht / Weill denkt über eine neue Form des Musiktheaters nach: im Sommer wird die Dreigroschenoper gefeiert!

In Paris schreibt Maurice Ravel den Boléro für Ida Rubinstein, während Fats Waller mit Honeysuckle Rose eine Spur in den Modern Jazz legt.

Der ehemalige Frankfurter Musikstudent Richard Tauber landet mit Ich küsse ihre Hand, Madam einen Schallplattenhit, und in der Carnegie Hall in New York dirigiert der ebenfalls in Frankfurt am Main ausgebildete Walter Damrosch Ein Amerikaner in Paris von George Gershwin. In Berlin erklingt mit den Variationen für Orchester Arnold Schönbergs erste rein 12tonige Orchesterkomposition. Mein Papagei frißt keine harten Eier schlägt auch international ein, und im November schafft Mickey Mouse pfeifend in Steamboat Willie den Durchbruch.

Ein Jahr später wird der Frankfurter Komponist und Organist Reinhold Finkbeiner geboren ...

vom klang zum ton zum cluster …

Heute können die historischen Entwicklungen, Trends, Erruptionen nicht polarisiert, sondern integriert wahrgenommen werden, jenseits einer Trennung von geistlicher vs. weltlicher Musik: Der architektonischen Formensprache des Niederurseler Kirchenraums korrespondiert eine Musik reduzierter Klarheit ohne Schnörkel bei gleichzeitiger Erweiterung der musikalischen Genres: auch Jazz, Pop und heute angesagte Musik füllen diesen Raum – nicht als Ausdruck von Beliebigkeit, sondern weil diese Musik das Leben der Menschen widerspiegelt, die sich hier treffen: Die Realität der großen Stadt, Tempo und Technik, Konsumkultur und Menschenmassen.

Im Kontrast dazu bewirkt der kleine Kirchenraum Nähe und legt es nahe, das Einzelne zu betonen. Die Kunst, die hier stattfindet, kommt fein und filigran daher: einfach, klar und unmittelbar verständlich ohne Substanzverlust sowie offen für das aktive Mitwirken der versammelten Gemeinde. Sie möchte „kirchennahe“ und „kirchenferne“ Menschen zum Gespräch einladen über sich und die Welt, die sie reflektiert – Nahkunst, Beziehungen stiftende Kleinkunst im besten Wortsinn, im Crossover der Metropolregion Frankfurt am Main.