Erntedank

Erntedank
Veröffentlicht am Mo., 14. Sep. 2020 15:40 Uhr
Aus der Gemeinde

Gefeiert wird Erntedank in Europa Ende September, Anfang Oktober: dann, wenn die Erntezeit zu Ende geht. 

In der vorindustriellen Zeit war das für alle Menschen ein großes Ereignis. Es war klar, wie die Ernte ausgefallen war und wie groß die Vorräte sein würden: Kommen wir ohne große Rationierung und ohne Hunger über den Winter? 

Haben wir genügend zu essen, wenn der Winter ein paar Wochen länger dauert? Die Ernte war eine Überlebensfrage. Je größer sie ausfiel, desto größer die 

Erleichterung, der Dank. Alle wussten wie katastrophal eine Dürreperiode, eine Überschwemmung, Hagel, Insekten- oder Krankheitsbefall sein konnte. Und zu Erntedank hieß es eigentlich: Danke, dass wir leben dürfen. Danke, dass Gott der Hände Arbeit gesegnet hat und die Mühen nicht umsonst waren. 

Die Menschen atmeten auf, waren stolz auf ihrer Hände Arbeit, aber sie wussten sehr genau, wie begrenzt die eigenen Möglichkeiten waren. Sie wussten, dass sie zum Erfolg der Ernte beigetragen hatten, aber auch um ihre Grenzen. So heißt es in einem traditionellen Tischgebet: Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, o Herr von dir. Dank sei dir dafür!

Erntedank heutzutage ist meist ein schönes und lehrreiches Ereignis für die Kinder. Wir erinnern daran, dass das Obst und das Gemüse nicht im Supermarkt wachsen, wo wir es kaufen.

Wachsen und gedeihen muss es. Es braucht mehr als menschliche Arbeit. Wir erzählen von den Äpfeln auf den Bäumen und dem Weizen auf dem Feld, wie Korn gemahlen wird und wie unser täglich Brot entsteht. Dass es sich dabei heute oft um einen hochindustrialisierten Arbeitsprozess handelt mit ausgetüftelten Lieferwegen rund um die Welt, verschweigen wir eher. 

Es gibt Gemüse und Obst aus dem Garten, aber dass das meiste Gemüse und Obst im Supermarkt nur Nährlösung und keine Erde gesehen hat, ist uns selbst oft nicht klar. Wenn in unserer Region die Ernte schlecht ausfällt, lassen wir uns aus einem anderen Erdteil beliefern. Eigentlich genial, nicht nur für die reichen Länder dieser Erde: 

Ein Land wie Ägypten bekommt den Weizen aus den USA und kann so genügend Brot produzieren. Das funktioniert nur, weil in der Produktion und dem Transport wenig dem Zufall überlassen wird. Menschliche Planung und Steuerung sind gefragt. Da bleibt wenig Platz für Dank, Gebet oder Gott. 

Doch die Erfolgsgeschichte menschlichen Fortschritts hat große Risse. Die Probleme treten zu Tage, der Raubbau an der Natur zeigt Folgen: Verkarstete Böden, Trockenheit, Luftverschmutzung, steigende Temperaturen und mehr. 

„Fridays for Future“ fing an, die Probleme ins allgemeine Bewusstsein zu rücken. Die Corona-Pandemie hat der Bewegung erst mal etwas Wind aus den Segeln genommen. Dabei zeigt das Virus in aller Deutlichkeit: seht wie anfällig und begrenzt unsere menschliche Steuerung und Planung ist! 

Vielleicht lässt sich daraus ein Weckruf hören: nüchtern die Grenzen und Möglichkeiten unseres Handelns erkennen. Sich vom blinden Fortschrittsglauben verabschieden. Dankbar sein und werden für das, was ist. 

Gewahr werden, welchen Reichtum wir besitzen. Entdecken, dass das Heil - unser Glück - nicht in der Anhäufung und Steigerung von Reichtum liegt. 

Wer nach immer mehr hechelt, wird nur raffgierig. Stattdessen Demut üben. Offen werden für andere und anderes. Ehrfurcht spüren vor dem Leben. Neu nachdenken, was es heißt: „Ich bin 

Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer). 

Pfarrer Reiner Dietrich-Zender

Erntedank-Sonntag-Gottesdienste
Sonntag, 27. September

9:30 Uhr
Dietrich-Bonhoeffer-Kirche
Gottesdienst
Pfarrer Reiner Dietrich-Zender

11:00 Uhr
St. Thomaskirche
Gottesdienst
Pfarrer Reiner Dietrich-Zender

Wenn Sie Erntegaben aus Ihren Gärten zum Altarschmuck haben, bringen Sie sie gerne zum Gottesdienst mit.